Viet Nam

Ein Bild. Ein erstes Bild. Wie man auch anfängt, so schreibt es sich fort. So ist es nun einmal. Und so wird es immer bleiben, auch wenn sich das immer nicht so leicht mehr sagen lässt heute, am Ende der sogenannten Gutenberggalaxis. Alles endet einmal stirbt und stirbt, und jetzt ist es nicht nur das Buch, das Lesen und die Bibliothek, sondern gleich sogar die Bildung, die Bildung in toto, das Fragendürfen und das Verlangen nach einem selbst geschriebenen Text hat sich abgeschafft. Bücher könnten, wenn sie wollten, sich jetzt selber schreiben, aber sie will es nicht einmal, die künstliche I.

Ein erstes Bild. Ich könnte ein anderes nehmen aus jenem Betand, den ich seit drei Wochen in Hanoi und Ho Chi Minh anhäufe, der um mich herum anwächst. Stock pile.

In den Kopf hatte er sich gesetzt, alles selber zu machen, den Zufall auf sich zukommen zu lassen, ihn dann aber zu ergreifen, als sei er immer im Ziel gelegen. Das ihm zugefallen an ihn Heranreichende wurde von ihm analytisch genau erfasst, ernst genommen, zur Kenntnis genommen und mit den Augen der Kamera vermessen.

„Allmählich komme ich auch zur Systematik der Geräusche, die mich hier umgeben.“, schreibt Benjamin, Walter am 30. Dezember 1926, etwa drei einhalb Wochen nach seiner Ankunft in Moskau.

Und ich, dreieinhalb Wochen nach meiner Ankunft in Vietnam? – Zwei Flüsse bewegen sich unter meinem Fenster. Der große Saigon River fließt nach rechts, mit ihm schnelle Schiffe, gegen seine Strömung langsame Schiffe nach links. Zwischen Fluss und Hotelfenster das andere Zweistromgebiet, die Uferstraße mit bis in die tiefe Nacht hinein brausendem Verkehr in beide Richtungen. Verkehrsrauschen und Gehupe. Über den Fluss wird eine Brücke gebaut, die Pfeiler Fundamente werden von einer Hydraulikramme eingetrieben, was rhythmische Akzente in die Kakophonie der Autos und Mopeds setzt. Vom Frühstücksraum im 1. OG aus sieht man das ganze Gequirle aus nächster Nähe, aber die Fenster sind wohl besser isoliert und halten alle Geräusche von draußen ab. Heute sah ich dort einen hölzernen Tempel mit Baldachin so auf einen kleinen Transporter montiert vorbeifahren, dass vom Fahrzeug nur der Fahrerstand zu sehen war, die Hinterräder waren unter dem Tempel gänzlich verborgen. Ein Führer, den wir nach dem nie abbrechenden Verkehr fragten, erklärte uns: Es ist wie mit den großen Flüssen: Der Verkehr auf den Straßen Vietnams fließt, und sogar in beide Richtungen, und er wird nie aufhören zu fließen.

Im Büro über uns, wir kennen natürlich nicht seine Bewohner, wird heute Musik auf Bässen gestemmt, man hört dem repetitiv Vorgetragenen leicht an, dass es darum geht, Spaß zu haben und nicht, ein elaboriertes Stück Musik zum Klingen zu bringen. Beschweren zwecklos. Hier wird alles ertragen. Man lässt den Anderen einen stören.

Was am meisten stört, ist die bis zur Dummheit gehende Einfachheit der überall intonierten musikalischen Melodien. Erste Assoziation: Hier muss eine Vorschule sein, in der Kleinkinder in die musikalische Frühbildung genommen werden. Dann blickt man auf und sieht ausgewachsene Menschen sich an dem Larifari einer musikalischen Minimaleingebung ergötzen. Es geht um Sachbarkeit, möglichst dünnen Ambitus, Zwei- oder Dreiakkordigkeit und nicht viel mehr. Wir Europäer mit unserer Kunstmusik! Ist zuletzt vielleicht unser Credo – „warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? – eine Einbildung, gezeugt von Eingebildetsein?